Wenn ein Enkel sagt ich kann das nicht, machen die meisten Großmütter diesen einen Fehler ohne es zu wissen

Wenn ein Kind immer wieder sagt „Ich kann das nicht“ oder „Die anderen sind viel besser als ich“, dann ist das mehr als ein schlechter Tag. Es ist ein Zeichen, das du als Großmutter oder Großvater ernst nehmen solltest. Du verbringst oft ruhigere, weniger stressbeladene Zeit mit deinen Enkeln als die Eltern. Genau deshalb bemerkst du häufig als Erste oder Erster, wenn etwas nicht stimmt.

Was hinter dem Selbstbild eines Kindes steckt

Das Selbstwertgefühl von Kindern entwickelt sich nicht im luftleeren Raum. Es entsteht durch wiederholte Erfahrungen mit der eigenen Umwelt: durch Lob und Kritik, durch Erfolg und Misserfolg, durch die Art, wie Bezugspersonen auf sie reagieren. Kinder, die sich ständig mit anderen vergleichen und dabei immer schlechter abschneiden – zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung –, haben häufig gelernt, dass ihre Leistung über ihren Wert als Person entscheidet.

Die Entwicklungspsychologin Carol Dweck unterscheidet Fixed Mindset und Growth Mindset in ihrer viel beachteten Forschung. Kinder mit einem Fixed Mindset glauben, dass Fähigkeiten angeboren und unveränderlich sind. Scheitern bedeutet für sie: „Ich bin nicht gut genug.“ Kinder mit einem Growth Mindset hingegen sehen Herausforderungen als Lernmöglichkeiten. Die gute Nachricht: Dieses Mindset kann gezielt gefördert werden – auch durch dich.

Warum gerade du als Großmutter oder Großvater einen Unterschied machen kannst

Du stehst nicht täglich im Erziehungsalltag und musst nicht auf Schulnoten schauen oder Hausaufgaben durchsetzen. Diese emotionale Distanz ist keine Schwäche – sie ist ein echter Vorteil. Deinen Enkeln fällt es oft leichter, sich dir gegenüber zu öffnen, weil sie weniger Konsequenzen fürchten und die Beziehung oft von bedingungsloser Zuneigung geprägt ist.

Forschungen haben gezeigt, dass Kinder, die eine enge Bindung zu ihren Großeltern haben, emotional stabiler sind und besser mit sozialen Herausforderungen umgehen können. Diese Bindung wirkt wie ein emotionaler Puffer – besonders dann, wenn das Selbstwertgefühl eines Kindes unter Druck steht.

Konkrete Dinge, die du tun kannst

Es geht nicht darum, als Therapeutin oder Therapeut aufzutreten oder Ratschläge zu geben, die das Kind überfordern. Es geht um kleine, konsistente Gesten, die eine große Wirkung entfalten.

Lob gezielt einsetzen – aber richtig

Der häufigste Fehler: pauschales Lob wie „Du bist so klug!“ oder „Du bist die Beste!“ Klingt gut, wirkt aber kontraproduktiv. Wenn ein Kind glaubt, es sei „von Natur aus gut“, dann wird ein Misserfolg zur Bedrohung dieser Identität. Besser ist es, den Prozess zu loben, nicht das Ergebnis. „Du hast das so lange versucht, das beeindruckt mich“ oder „Ich sehe, wie viel Mühe du dir gegeben hast“ – solche Sätze stärken die innere Überzeugung, dass Anstrengung sich lohnt. Nicht das Talent zählt, sondern die Bereitschaft, dranzubleiben.

Eigene Fehler sichtbar machen

Du hast Jahrzehnte an Erfahrung mit Scheitern und Aufstehen. Diese Geschichten sind Gold wert. Wenn du erzählst, wie du als Kind beim Kochen alles verbrannt hast und trotzdem heute die beste Apfeltorte der Familie backst, vermittelt das eine wichtige Botschaft: Unfähigkeit ist kein Dauerzustand. Solche persönlichen Erzählungen wirken oft stärker als jede gut gemeinte Ermutigung.

Neue Aktivitäten mit Sicherheitsnetz anbieten

Kinder, die Angst vor dem Versagen haben, vermeiden Neues – weil Neues bedeutet, dass man anfangs schlecht ist. Du kannst hier niedrigschwellige Erfahrungsräume schaffen: zusammen etwas ausprobieren, bei dem auch du „nicht gut“ bist. Gemeinsam ein neues Brettspiel lernen, ein Rezept zum ersten Mal ausprobieren, eine Pflanze einpflanzen, die vielleicht nicht wächst. Das Signal dahinter ist klar: Nicht-Können ist der Anfang von Können.

Vergleiche aktiv entkräften

Wenn das Kind sagt „Mia kann das viel besser als ich“, ist die Versuchung groß zu antworten: „Du kannst das auch!“ Das ist gut gemeint, aber selten hilfreich. Besser ist eine echte Auseinandersetzung mit dem Vergleich: „Was glaubst du, wie lange Mia das schon übt?“ oder „Was kannst du, das andere vielleicht nicht können?“ Damit wird das Kind eingeladen, differenzierter zu denken – statt sich pauschal als schlechter einzustufen.

Wann die Eltern ins Boot geholt werden sollten

Du bist eine wichtige Vertraute oder ein wichtiger Vertrauter, aber keine Einzelkämpferin oder kein Einzelkämpfer. Wenn das Muster des niedrigen Selbstwerts anhält – also das Kind dauerhaft neue Situationen vermeidet, sich stark sozial zurückzieht oder körperliche Symptome zeigt wie Bauchschmerzen vor der Schule oder Schlafprobleme –, dann ist das Gespräch mit den Eltern unausweichlich.

Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt. Nicht „Ich mache mir Sorgen, dass etwas mit eurem Kind nicht stimmt“, sondern eher: „Ich beobachte bei Lena manchmal, dass sie sich nicht traut, Neues auszuprobieren. Habt ihr das auch bemerkt?“ Dieser Einstieg öffnet eine Tür, ohne Schuld zuzuweisen.

In manchen Fällen kann kinderpsychologische Begleitung sinnvoll sein – besonders wenn das Selbstbild des Kindes stark verzerrt ist oder sich mit zunehmendem Alter verfestigt. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, darunter insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie, bietet Methoden, die gezielt an festgefahrenen Denkmustern arbeiten und deren Wirksamkeit durch zahlreiche Studien gut belegt ist.

Die Rolle der Sprache im Alltag

Oft sind es die kleinen sprachlichen Gewohnheiten, die das Selbstbild formen. Sätze wie „Das ist halt nichts für mich“ oder „Ich bin einfach so“ klingen harmlos, aber sie zementieren ein statisches Selbstbild. Du kannst sanft alternative Formulierungen einführen: „Das klappt noch nicht so gut“ statt „Das kann ich nicht“. Dieser kleine sprachliche Unterschied enthält eine riesige psychologische Botschaft: Noch nicht – aber vielleicht bald.

Kinder brauchen Menschen in ihrem Leben, die an sie glauben, bevor sie selbst dazu in der Lage sind. Du kannst genau diese Person sein – nicht als Ersatz für professionelle Unterstützung, aber als stabile, liebevolle Konstante, die ein Kind trägt, während es lernt, sich selbst zu tragen. Deine Geduld, deine Aufmerksamkeit und deine bedingungslose Zuneigung sind Werkzeuge, die stärker wirken als du vielleicht denkst.

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