Il geringes Selbstwertgefühl bei jungen Erwachsenen ist eines der schwierigsten Themen, mit denen Eltern heute konfrontiert werden – gerade weil es so leise beginnt. Kein dramatisches Ereignis, kein offensichtlicher Auslöser. Nur ein Kind, das mit 22 Jahren am Küchentisch sitzt und sagt: „Ich weiß nicht, ob ich das wirklich kann.“ Und Eltern, die spüren, dass irgendetwas nicht stimmt, aber nicht wissen, wie sie helfen sollen, ohne alles schlimmer zu machen.
Wenn Zweifel zur Gewohnheit werden
Zwischen 18 und 25 Jahren stehen junge Menschen vor einer Flut von Entscheidungen: Studium, Karriere, Beziehungen, Identität. Diese Phase ist von Natur aus unsicher – und ein gewisses Maß an Selbstzweifel ist dabei völlig normal. Problematisch wird es, wenn der Zweifel nicht mehr situativ ist, sondern zum inneren Dauerton wird. Wenn sich jemand ständig mit anderen vergleicht, neue Chancen ablehnt aus Angst zu scheitern, oder bei jeder Entscheidung die Bestätigung von außen braucht, bevor er einen Schritt wagt.
Forschungen zur Identitätsentwicklung im jungen Erwachsenenalter – insbesondere die Arbeiten von Jeffrey Arnett zum Konzept des „Emerging Adulthood“ – zeigen, dass diese Lebensphase strukturell mit Unsicherheit verbunden ist. Das bedeutet aber nicht, dass Eltern tatenlos zusehen müssen. Es bedeutet, dass sie verstehen müssen, wie sie helfen können, ohne zu bevormunden.
Die unsichtbare Falle: Helfen, das schadet
Viele Eltern reagieren instinktiv mit gut gemeinten Ratschlägen. „Du bist doch so talentiert!“ oder „Mach dir keine Sorgen, das wird schon.“ Das Problem: Diese Sätze werden von jungen Menschen mit geringem Selbstwertgefühl oft nicht als Bestätigung erlebt, sondern als Druck. Als wäre ihre innere Realität wieder einmal nicht ernst genommen worden.
Noch riskanter ist die Überkorrektur: Eltern, die aus Sorge beginnen, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, nehmen dem jungen Menschen genau das, was er am meisten braucht – die Erfahrung, schwierige Situationen selbst zu meistern. Das Selbstwertgefühl wächst nicht durch Lob von außen, sondern durch erlebte Selbstwirksamkeit. Das ist ein zentrales Ergebnis der psychologischen Forschung, unter anderem aus den Arbeiten Albert Banduras zur Selbstwirksamkeitsüberzeugung.
Was Eltern konkret tun können
Die gute Nachricht: Es gibt Wege, die wirklich helfen. Und sie sind oft überraschend einfach – wenn auch nicht immer leicht umzusetzen.
- Zuhören, ohne sofort zu lösen. Wenn ein Kind sagt, dass es sich überfordert fühlt, braucht es zunächst kein Gegenmittel, sondern jemanden, der zuhört. Die Frage „Wie geht es dir dabei?“ ist oft wertvoller als jede Antwort.
- Kleine Erfolge sichtbar machen. Nicht mit übertriebenen Komplimenten, sondern konkret: „Ich habe gesehen, wie du das organisiert hast – das war wirklich durchdacht.“ Spezifisches Feedback verankert sich tiefer als allgemeines Lob.
- Scheitern normalisieren. Eltern, die offen über eigene Misserfolge sprechen – ohne Drama, aber auch ohne falsche Bescheidenheit – zeigen, dass Scheitern kein Urteil über den Wert einer Person ist.
- Autonomie respektieren. Auch wenn die Entscheidung des Kindes nicht die wäre, die man selbst getroffen hätte: Die eigene Wahl treffen und mit den Konsequenzen leben zu lernen, ist ein unersetzlicher Teil der Entwicklung.
Die Rolle der Großeltern: eine oft unterschätzte Ressource
In diesem Kontext spielen Großeltern eine Rolle, die häufig unterschätzt wird. Die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln ist emotional anders strukturiert als die Eltern-Kind-Beziehung – weniger aufgeladen mit Erwartungen, weniger mit dem täglichen Familienstress verbunden. Viele junge Erwachsene berichten, dass sie mit Großeltern leichter über Unsicherheiten sprechen können, weil sie das Gefühl haben, nicht bewertet zu werden.

Großeltern tragen außerdem eine besondere Art von Wissen in sich: das der gelebten Zeit. Sie haben wirtschaftliche Krisen, persönliche Verluste und gesellschaftliche Umbrüche erlebt und überlebt. Wenn sie davon erzählen – nicht als Belehrung, sondern als echte Geschichte – geben sie dem Enkel etwas mit, das kein Coach und kein Therapeut ersetzen kann: das Gefühl, Teil einer Kontinuität zu sein, die größer ist als der aktuelle Moment des Zweifels.
Wenn professionelle Unterstützung sinnvoll ist
Es gibt Momente, in denen die Begleitung durch die Familie nicht ausreicht – und das ist keine Niederlage, sondern eine realistische Einschätzung. Wenn das geringe Selbstwertgefühl mit sozialer Isolation, anhaltender Niedergeschlagenheit oder dem vollständigen Rückzug aus dem Leben einhergeht, ist professionelle psychologische Unterstützung der richtige Schritt. Kognitive Verhaltenstherapie gilt in diesem Bereich als besonders wirksam und ist heute in vielen Formen zugänglich.
Eltern können diesen Schritt begleiten, indem sie ihn nicht als letzten Ausweg darstellen, sondern als ganz normales Werkzeug – so wie man zum Arzt geht, wenn der Rücken schmerzt. Der Ton, mit dem Eltern über psychologische Hilfe sprechen, prägt die Einstellung ihrer Kinder dazu – und das ist eine der wirkungsvollsten Interventionen, die sie vornehmen können, ohne ein einziges Mal das Wort „Selbstwertgefühl“ zu erwähnen.
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