Das ist die Berufsgruppe, die am häufigsten unter dem Hochstapler-Syndrom leidet, laut Psychologie

Du sitzt in einem Meeting, alle schauen dich an, warten auf deine Meinung – und in diesem Moment flüstert eine Stimme in deinem Kopf: „Die werden gleich merken, dass ich eigentlich keine Ahnung habe.“ Klingt vertraut? Das ist kein Zufall. Dieses Gefühl hat einen Namen, es hat eine Psychologie dahinter, und es trifft eine ganz bestimmte Berufsgruppe besonders hart.

Was das Hochstapler-Syndrom wirklich ist – und was nicht

Das Hochstapler-Syndrom, in der Fachliteratur als Impostor-Phänomen bekannt, wurde 1978 von den Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes erstmals beschrieben. Es handelt sich dabei nicht um eine psychische Erkrankung, sondern um ein weitverbreitetes psychologisches Muster: Betroffene sind objektiv kompetent und erfolgreich, glauben aber innerlich, dass ihr Erfolg auf Glück, Zufall oder einer geschickten Täuschung anderer beruht – nicht auf echter Fähigkeit. Die Angst, früher oder später „entlarvt“ zu werden, ist dabei das zentrale Element.

Was die Forschung dabei immer klarer zeigt: Das Phänomen ist nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt Berufe, in denen es regelrecht gedeiht.

Die Berufsgruppe, die am stärksten betroffen ist

Studien und klinische Beobachtungen der letzten Jahrzehnte deuten konsistent in eine Richtung: Akademiker, Wissenschaftler und Fachkräfte in Hochleistungsberufen – insbesondere in der Medizin, im Lehrwesen, in der Forschung und in kreativen Berufen – zeigen die höchsten Raten an Impostor-Erfahrungen. Eine Untersuchung, die im International Journal of Behavioral Science veröffentlicht wurde, schätzt, dass etwa 70 Prozent der Menschen das Impostor-Phänomen mindestens einmal in ihrem Leben erleben – in akademischen und hochqualifizierten Berufen liegt dieser Wert jedoch strukturell höher.

Der Grund ist nicht schwer zu verstehen: Diese Berufe kombinieren hohe Leistungserwartungen, ständige externe Bewertung und eine Kultur, in der Fehler sichtbar und teuer sind. Ein Arzt, der einen Fehler macht, ein Forscher, dessen Hypothese widerlegt wird, eine Lehrerin, die von Schülern und Eltern beurteilt wird – sie alle leben in einem Umfeld, das permanente Kompetenzbeweise fordert. Das ist der ideale Nährboden für das Hochstapler-Syndrom.

Perfektionismus als stiller Verstärker

Ein Schlüsselelement, das die Psychologie in diesem Zusammenhang immer wieder identifiziert, ist der Perfektionismus. Wer bereits von Natur aus zu hohen Selbstanforderungen neigt, reagiert auf diese beruflichen Strukturen mit einem Teufelskreis: Je mehr Anerkennung man erhält, desto größer wird die Angst, dieser Anerkennung nicht gerecht zu werden. Die Reaktion darauf? Überkompensation – noch mehr arbeiten, noch besser vorbereitet sein, noch weniger Fehler riskieren.

Das klingt produktiv, ist es aber langfristig nicht. Dieser Kreislauf führt zu chronischer Erschöpfung, Vermeidungsverhalten gegenüber neuen Herausforderungen und – in vielen dokumentierten Fällen – zum bewussten Rückzug aus Karrierechancen. Menschen lehnen Beförderungen ab, melden sich nicht für Projekte an, schweigen in Meetings. Nicht aus Desinteresse, sondern aus der Überzeugung, „noch nicht bereit“ zu sein. Diese Bereitschaft kommt in ihrer inneren Logik nie an.

Welche Berufsgruppe kämpft am meisten mit dem Hochstapler-Syndrom?
Akademiker
Mediziner
Lehrer
Forscher
Kreative

Warum es ausgerechnet die Kompetentesten trifft

Hier liegt die eigentliche Ironie – und das Gegenintuitive an diesem Phänomen. Das Hochstapler-Syndrom trifft nicht die inkompetenten Menschen, die tatsächlich überfordert wären. Es trifft genau die, die wissen, wie viel es noch zu wissen gibt. Je tiefer jemand in ein Fachgebiet einsteigt, desto bewusster wird ihm die eigene Wissenslücke im Verhältnis zur Gesamtheit des Wissens. Das ist das Gegenteil des Dunning-Kruger-Effekts: Nicht zu wenig Wissen erzeugt übertriebenes Selbstvertrauen, sondern zu viel Wissen erzeugt strukturellen Selbstzweifel.

Die Psychologie nennt das auch metakognitive Überlastung – ein Bewusstsein für die eigenen Grenzen, das so ausgeprägt ist, dass es die Wahrnehmung der eigenen Stärken überschattet.

Was hilft – laut Wissenschaft

Es gibt keine Pille dagegen, aber die Forschung hat einige konkrete Ansätze identifiziert, die tatsächlich wirken:

  • Das Phänomen benennen: Allein das Wissen, dass das Impostor-Syndrom ein anerkanntes, weit verbreitetes Muster ist, reduziert seine emotionale Macht erheblich.
  • Externe Rückmeldungen aktiv verarbeiten: Wer Lob gewohnheitsmäßig abwehrt, muss lernen, positive Bewertungen von außen als Datenpunkte zu akzeptieren – nicht als Schmeichelei.
  • Fehler normalisieren: In Gemeinschaften und Teams, in denen Fehler offen besprochen werden, sinkt die Impostor-Rate nachweislich.
  • Professionelle Begleitung: Kognitive Verhaltenstherapie zeigt laut mehreren Studien gute Ergebnisse bei der Bearbeitung von Impostor-Mustern, besonders in Kombination mit Selbstmitgefühl-Übungen nach dem Ansatz von Kristin Neff.

Das Hochstapler-Syndrom ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist, in gewisser Weise, ein Zeichen davon, dass jemand tief genug in sein Fach eingetaucht ist, um zu wissen, wie komplex es wirklich ist. Der erste Schritt aus dem Kreislauf heraus ist nicht, aufzuhören, sich zu hinterfragen – sondern zu lernen, sich selbst mit denselben fairen Maßstäben zu messen, mit denen man andere beurteilen würde.

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